Ob Wahlkampf, Wirtschaftskrise, Dieter Althaus, Afghanistan, Schweinegrippe, Michael Jackson oder Filmkritik – es gab kaum ein Thema, das Harald Schmidt in seiner ersten Late Night Show nicht zumindest streifte. Die Politik dominierte, die Kultur auch. Der Boulevard hingegen, das dominierende Thema der vergangenen zwei Jahre, musste wie angekündigt draußen bleiben. Damit kamen nicht alle Kritiker klar – ebenso wenig wie mit dem Tempo. Das Medienecho zu “Harald Schmidt”…
“Die Nun-wieder-solo-Premiere war keine ganz große, keine rundum gelungene Show; kein Witz, der hängenbliebe, hätte man ihn nicht notiert. Doch der Impetus, mit dem Schmidt in der ARD klarmachte, hey, Leute, der Sheriff ist zurück in der Stadt, überzeugte.” Christian Kortmann, Kritiker der Süddeutschen Zeitung, bringt es auf den Punkt. Auch wenn mehrheitlich die Freude über die Rückkehr des Entertainers, der im Vorspann als „der weiße Afghane“ angekündigt wurde, überwiegte, so ganz warm wurden viele Kritiker mit der ersten Solo-Show seit zwei Jahren noch nicht.
Eine der positivsten Kritiken schrieb Jörg Thomann in der Onlineausgabe der FAZ. Schmidt zeigte sich “so spielfreudig, konzentriert und angriffslustig, wie man ihn seit Jahren nicht mehr erleben durfte”, heißt es da. Statt Spott über B- und C-Promis gibt es jetzt “geistreiche Satire über Gesellschaft, Politik und Kultur”. Auch Reinhard Mohr (Spiegel Online) ist – wie eigentlich meistens, wenn es um Schmidt geht – zufrieden: “Die neue Harald-Schmidt-Show ist die alte. Und das ist glänzend: Deutschlands Chefironiker ist ohne Pocher wieder scharf, cool und auf der Höhe seiner Zeit.” Ein “Einstand nach Maß” war es auch für Sascha Borowski von der Augsburger Allgemeinen: “Harald Schmidt ist wirklich wieder da. So richtig. Als er am Donnerstagabend (…) die Bühne des Kölner Studios 449 betritt, ist alles wie in alten Zeiten. Etwas “politiklastig” sei die Show zwar noch, aber “ansonsten haben Schmidt-Fans ihr Idol zurück. Unterhaltsam, hintergründig, gut. Von Spötter-Dämmerung jedenfalls ist bei Harald Schmidt nichts zu spüren”. Und auch für Jörn Lauterbach von Welt Online ist “Schmidt … endlich wieder in Form”.
Neben der Politik standen vor allem kulturelle Themen im Zentrum der Show – Schmidt und sein Team spannten den Bogen von “Wickie und die starken Männer” und Las von Triers “Antichrist” über den Medientheoretiker und Philosophen Boris Groys und die Regisseurin Andrea Breth bis hin zu Martin Seel und Focault. Harald Schmidt habe “den Kulturauftrag der ARD” ernst genommen und bot “so entschlossenes wie irritierendes Oberschichtenfernsehen, das den letzten versprengten Pocher-Fan vertrieben haben dürfte”, so FAZ.NET. Freilich, nicht alle Kritiker fanden dies gleichermaßen positiv. Die Kulturlastigkeit , die vor allem den zweiten Teil dominierte, habe, so Welt Online, die Show ihren Witz verloren: “Und worauf haben Schmidts Zuschauer ein Recht? Jedenfalls nicht mehr darauf, dass sie ohne tiefere Kulturkenntnisse alles verstehen können.” Und Christian Kortmann fragte sich gar, “wem Schmidt mit dem doch etwas bemühten donnerstäglichen Hochkulturprogramm etwas beweisen will”.
Nichts Positives konnte auch der Kritiker des Berliner “Tagesspiegel” dem abgewinnen. “Kunst-Irrsinn als Zielscheibe des Spotts” urteile Markus Ehrenberg und wünschte sich gar einen Sandy-Meyer-Wölden-Gag zum Ausgleich: “Bei allem Bildungsauftrag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – da dürfte es manchem Zuschauer kurz vor Mitternacht dann doch zu bunt, zu subversiv geworden sein.” Und Meike Fries (Zeit Online) konstatierte: “In der Summe ist die Sendung so verschroben, fast dadaistisch, dass man ihr eigentlich den Sendeplatz von Alexander Kluge mitten in der Nacht wünschen muss, falls der noch mit seiner Prime Time auf Sendung ist.”
Ein weiterer Kritikpunkt der Show war das Tempo – Erinnerungen and die ersten ARD-Shows nach Schmidts einjähriger “Kreativpause” werden dabei wach. “Atemlos wirkt diese erste Ausgabe, als wolle Schmidt in einer Sendung alles nachholen, was er in den letzten Jahren versäumt hat: Politik, Kultur, Anspruch”, schreibt etwa Stefan Kuzmany (taz.de), “eine rasante, manchmal wirre Premiere” hieß es in der Süddeutschen Zeitung, Meike Fries sah sich gar einem “45-minütigen Gag-Dauerbeschuss” ausgesetzt.
Teil des neuen Konzepts scheinen auch die zahlreichen Einspieler zu sein, die teils von Schmidt selbst, teils von Mitgliedern seines sechsköpfigen Teams gedreht wurden. Überzeugen konnte hier vor allem Schmidts Auftritt als Lothar Scholl-Latour, ein angeblicher Bruder von Peter Scholl-Latour, den Katrin Bauernfeind zur Lage in Afghanistan interviewte. Hier zeigte Schmidt “viel von seinem schauspielerischen Talent, er trifft den legendären Latour-Sound bis ins Detail”, so Jörn Lauterbach. Auch der aktuelle CDU-Werbespot, der dahingehend modifiziert wurde, dass am Ende Frank-Walter Steinmeier für die große Koalition warb, Guido Westerwelles “heilende Hände”, die einen Rollstuhlfahrer nur nach Berührung wieder gehen lassen, fanden Beachtung. Punkten konnte auch der Zahlenzusammenschnitt aus dem TV-Triell mit Guido Westerwelle, Jürgen Trittin und Oskar Lafontaine in dem Stefan Kuzmany in Anspielung auf die “Daily Show” sogar “stewartsche Qualitäten” sah. Vom Team hatte wohl Jan Böhmermann den gelungensten Auftritt. Als Schweinegrippenpatient ‘Rüdiger Alt’ schaffte er es dank nicht vorhandener Recherche einer ganzen Redaktion immerhin bis in die Nachrichtensendungen von Sat.1 und Pro Sieben.
Fazit: Alles in allem war es eine schwungvolle Premiere, die vor allem zu Beginn punkten konnte, die aber nach Meinung zahlreicher Kritiker zunehmend schwächer wurde – nicht zuletzt wegen ihres doch unaufhaltsamen Tempos und dem starken Fokussieren auf Kulturthemen – die zwar als Persiflage gemeint waren, die aber dennoch nicht bei allen so richtig zünden wollten. Etwas weniger „Anspruch“ eine gesunde Mischung aus Politik, Kultur, aber auch Medienkritik und Boulevard (es muss ja nicht gleich Pocher-Freundin Sandy-Meyer-Wölden sein) täte der Sendung vermutlich gut.
Ein Wort aber das in den vergangenen zwei Jahren immer häufiger im Zusammenhang mit der Show zu lesen war, konnte man in keiner der Kritiken wiederfinden: Niveaulos. Diese Zeiten gehören – soviel dürfte nach der Premiere sicher sein – endgültig der Vergangenheit an.